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Monatsarchiv für April 2009

Ergänzend zu meinem vorherigen Posting möchte ich auf einen aktuellen Artikel des c’t-Magazins hinweisen, der treffend analysiert, warum die geplanten Web-Sperren falsch sind und was politisch wirklich dahinter steckt. Auch netzpolitik.org befasst sich mit dem Artikel und ruft zu einer Mahnwache auf. Ein kritischer Artikel findet sich auch beim Handelsblatt.

Endlich beginnt sich Widerstand zu formieren von Menschen und Organisationen, die hinter die Kulissen schauen und die Aussagen von Politikern als Blendwerk entlarven.

Update: Der Artikel ist auch bei Spiegel Online erschienen.

zensursulaWie Heise berichtet ist heute der Vertrag zwischen dem BKA und fünf großen Internet-Providern unterschrieben worden, der zum Ziel hat, Web-Sperren gegen kinderpornografische Seiten einzuführen.

Ein paar Eigenschaften des Vertrages, über die sich jedermann seine eigenen Gedanken machen kann:

  • Es gibt derzeit keine rechtliche Grundlage zu den Sperren.
  • Der Vertrag ist geheim.
  • Die Sperrliste ist geheim.
  • Das BKA hat angeblich die volle Verantwortung für die Sperrlisten. Wie drückt sich diese Verantwortung wohl aus ?
  • Die Gewaltenteilung ist aufgehoben. Das BKA wird nicht kontrolliert. Es gibt keine juristische Instanz, die Kontrolle ausübt.
  • Weitere Argumente siehe mein früheres Posting.

Eine Liste der Zensur-Provider gibt es hier.

Weitere aktuelle Nachrichten zum Thema:

Im Netz kursieren bereits eigene Kreationen des STOPP-Schildes.

Bild 1, Quelle unbekannt, Lizenz unbekannt:

websperren-stopp1

Bild 2, Quelle: blog.autisma.net, unter CC-Lizenz:

websperren-stopp2

Als ich heute Morgen die Rheinische Post (RP) aufschlug, ahnte ich bereits, dass zum Thema Web-Sperren wieder einmal unkritische Berichterstattung zu erwarten war. Die Rheinische Post fährt als eine der größten deutschen regionalen Tageszeitungen (Auflage ca. 500.00) einen sehr regierungsfreundlichen Kurs. Das missfällt mir schon länger, bin ich doch der Meinung, das gerade der freie Journalismus mehr Aufgaben hat, als die Beschlüsse der Regierung zu rechtfertigen. Kritische Stimmen z.B. zum Abbau der Bürgerrechte der letzten Jahre (die auch und gerade Journalisten betreffen), findet man in der RP nur extrem selten. So kann ich mich erinnern, dass z.B. das BVerfG-Urteil zu den Wahlcomputern nur mit einer sehr kleinen Randnotiz erwähnt wurde.

Nun, da fand ich also heute den Kommentar “Kinder schützen” von einer Eva Quadbeck. Dort heißt es ganz zu Anfang, ich zitiere:

Am Ende zählte das Argument: Wenn durch das Sperren von Internet-Seiten auch nur ein Fall von sexuellem Missbrauch von einem Kind verhindert werden kann, dann lohnt sich das Ganze. Die große Mehrheit der deutschen Internet-Provider, die sich durchrang, die freiwillige Vereinbarung zu unterzeichnen, ist zu beglückwünschen. [...]

Alleine der erste Satz sagt schon alles. Ich will es mal der Frau Quadbeck erklären: Die Sperren verhindern nicht den sexuellen Missbrauch von Kindern [1].  Maximal könnten die Sperren verhindern, dass man sich den Vorgang des Missbrauchs ansehen kann. Und um nur einen Fall zu verhindern, wird meines Erachtens nicht das Einrichten einer sinnlosen Zensur gerechtfertigt. Schon gar nicht einer Zensur ohne rechtsstaatliche Grundlage mit offenkundig verfassungsfeindlichem Charakter. Dieser Kommentar ist einer namhaften Tageszeitung nicht würdig, zeugt er doch von einer naiven Weltanschauung und einseitiger Meinungsmache. Wie wäre es denn, wenn man alle Männer präventiv kastrieren würde ? Denn damit hätte man doch sicherlich mehr als nur einen Fall von Kindesmisshandlung verhindert, oder ? Wo hört die Rechtfertigungsgrenze auf ? Meiner Meinung ganz klar da, wo das Grundgesetz beginnt, welches ganz bewusst gegen staatliche Willkür aufgestellt wurde. Oder anders gesagt: Um Unrecht zu verhindern, darf man nicht ständig Rechte abbauen.

Wenn Frau Quadbeck wenigstens die andere Seite der Medaille betrachtet und angemahnt hätte, dass diese Web-Sprerren ganz genau beobachtet werden müssen. Dass die Liste keineswegs nur vom BKA erstellt und kontrolliert werden darf. Und dass zukünftig auf keinen Fall eine allgemeine Zensur unliebsamer Inhalte erfolgen darf. Dann hätte ich zumindest die Meinung tolerieren können. Aber so liest sich der Kommentar wie die Rechtfertigung der Lügen aus einer PR-Sitzung von Zensursula persönlich.

Der Haupartikel in der RP berichtet dann von der Vertragsunterzeichnung und immerhin ein wenig über die Demo. Aber auch hier kommt eine kritische Gegenmeinung nicht zum Zuge. Ganz im Gegenteil, beginnt der Artikel doch mit einem Totschlagargument von Zensursula persönlich, ich zitiere:

Bilder von Kindern, die vor laufender Kamera vergewaltigt werden, sollen künftig deutlich schwerer übers Internet zugänglich sein. [...]

Tja, da fällt es einem wirklich schwer, jemandem vom Unsinn oder gar von der Gefahr zu überzeugen, die da gerade über die deutsche Internet-Szene hereinbricht. Hoffen wir, dass es  noch kritischere Stimmen als die von der Rheinische Post gibt.

Und weiter geht’s in dem Artikel:

[...]  Sie ist überzeugt, täglich rund 300 000 bis 450 000 Aufrufe kinderpornografischer Seiten unterbinden zu können: “Wir wissen aus Umfragen, dass rund 80 Prozent der Internet-Nutzer solche Sperren nicht umgehen können.” Mit dem Blockieren einschlägiger Seiten ließen sich Gelegenheitsnutzer abschrecken. [...]

Aha, man will also nicht diejenigen fassen, die willentlich solche Inhalte konsumieren oder gar ins Netz stellen, sondern den Gelegenheitsnutzer, der per Zufall und meist über SPAM auf die Seiten gelangt (wie schon an anderer Stelle gesagt, ist mir das in fast 20 Jahren noch nie passiert). Die Zahlen lassen fast vermuten, das 80% aller Internetnutzer gelegentlich Kinderpornos im Internet anschauen, da 80% die Sperren nicht umgehen können. Und die RP übernimmt ungefragt die Zahl der vermeintlichen Aufrufe. Ein weiteres Blendwerk. Denn diese Zahl beruht auf einer Hochrechnung norwegischer Zahlen und bezieht sich auf die dort eingerichtete Liste von mehreren Tausend Webseiten, von denen aber erwiesenermaßen die wenigsten überhaupt Kinderpornos enthalten [2].

Weiter im Artikel:

[...] Der Chef des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, [...] räumte ein, dass die 15 bis 20 Prozent der Intensiv-Nutzer die Sperren umgehen könnten.[...]

15-20 % von was ? Auch hier wird suggeriert, dass 15-20% der Internet-Nutzer intensiv Kinderpornos konsumieren. Welch eine Frechheit. Man sieht, dass allein das Spiel mit den Zahlen jedem normalen Bürger klar machen soll, dass hier dringend gehandelt werden muss. Und dass das Richtige getan wird. So funktioniert moderner Journalismus also.

An dieser Stelle sei allen RP-Journalisten einmal die Lektüre des Heise-Artikels “Verschleierungstaktik” ans Herz gelegt. Vielleicht werden die nächsten RP-Ausgaben dann mehr als ein Regierungsblatt.

zensursulaAuf netzpolitik.org ist ein Beitrag erschienen, der einige populäre Aussagen von Frau von der Leyen, genannt Zensursula, analysiert und als 13 Lügen entlarvt.

[Update]: Am 05. Mai wurde eine überarbeitete Fassung des Hintergrundtextes auf netzpolitik.org veröffentlicht.

Vor allem der immer wieder auftauchende Vorwurf, das Internet oder Teile des Internets seien ein rechtsfreier Raum, ist ein absoluter Blödsinn und die größte Lüge schlechthin. Recht gilt im Internet genauso wie im physischen Raum. Mittlerweile wird das Recht im Internet sogar manchmal stärker durchgesetzt als woanders (Beispiel Massenabmahnungen bei Urheberrechtsverletzungen).

Mit gefällt auch die Aussage ganz am Ende:

[...] Die entscheidende Kenngröße ist die Anzahl der Taten, die dennoch geschehen. Auch wenn keiner hinschaut.

Soll heißen: Kindesmisshandlungen können durch Wegsehen nicht verhindert werden. Aber genau dieses Wegsehen soll durch die Web-Sperren zementiert werden. Ganz abgesehen von der eigentlichen Intention der Politiker für die Einführung einer Zensur: Machterhalt durch Kontrolle.

Mehr Infos und Quellen zum Thema gibt es im Wiki des Arbeitskreis gegen Internetsperren und Zensur (AK Zensur).

Schön, dass es viele Internet-Provider gibt, die die Web-Sperren nicht freiwillig einführen wollen. Noch schöner, dass einer der großen, nämlich 1&1, auch der Meinung ist, dass die bald implementierte Sperrtechnik weitere Begehrlichkeiten wecken wird und Missbrauch zu befürchten ist. Siehe Interview mit 1&1-Sprecher Michael Frenzel auf magnus.de.

Auch Freenet hat sich gegen die Web-Sperren ausgesprochen, solange keine eindeutige Rechtsgrundlage existiert.

Der FoeBuD (Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs) e.V. hat einen zensurfreien DNS-Server eingerichtet, den jeder nutzen kann, um die Web-Sperren zu umgehen. Ich zitiere aus der Verlautbarung:

[...] Der FoeBuD e.V. sieht das Recht auf freie und unbeobachtete Kommunikation als eine Grundvoraussetzung für eine freiheitliche Gesellschaft an. Der FoeBuD hat sich deshalb zu einer praktischen Gegenmaßnahme entschlossen und betreibt seit heute einen eigenen öffentlichen zensurfreien DNS-Server. Wer sich diesen als eigenen DNS-Server anstelle des vom Provider gelieferten Servers einträgt, kann damit die Internetsperren einfach umgehen. Die IP-Adresse lautet: 85.214.73.63. [...]

Weitere freie DNS-Server findet man übrigens haufenweise im Netz, z.B. bei OpenDNS oder in dieser Liste. Im Prinzip werden nämlich nur die DNS-Server der beteiligten Provider für die Zensur angepasst.

Wie Heise berichtet ist im aktuellen Entwurf der Gesetzesinitiative zum Sperren kinderpornografischer Webseiten ein deutlich schärfer Kurs der Bundesregierung zu erkennen. Entgegen früherer Entwürfe ergeben sich folgende Änderungen:

  • Die Internet-Provider “dürfen” die Zugriffe (IP-Adresse) auf die geplante STOPP-Seite protokollieren und den Behörden aushändigen. Damit wird jeder Teilnehmer identifiziert, der eine gesperrte Seite angeklickt hat, und macht sich damit prinzipiell schon verdächtig oder gar strafbar.
    Problem: Da die Sperrliste geheim ist und keine unabhängige Kontrolle stattfindet, kann man sehr schnell für etwas in Verdacht geraten, was völlig legal ist. Die deutsche Sperrliste wäre nämlich die erste, die wirklich nur illegale Seiten beinhaltet. Absolutes Vertrauen in die ausführenden Staatsorgane (Exekutive) ist also nötig, um nicht unschuldig ins Visier der Verfolgungsbehörden zu geraten.
  • Die Beschränkung auf außereuropäische Webseiten wurde entfernt.
  • Die Einschränkung der Grundrechte wird explizit in Kauf genommen.
  • Staatliche Einrichtungen (Behörden, Schulen etc.) und kleine Provider werden von den Sperren ausgenommen. Sich selbst will ja auch niemand überwacht wissen, nicht wahr.

Im übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass sich gestern die Geburt des größten staatlich legitimierten Verbrechers zum 120. Male gejährt hat. Der hat auch den Abbau von Freiheitsrechten mit dem Wohle des Deutschen Volkes gerechtfertigt. Und eine Abwrackprämie hat er auch eingeführt, damals am Anfang des Untergangs.

zensursulaWie angekündigt hat heute die Bundesregierung den Gesetzesentwurf zu Kinderporno-Sperren beschlossen. Sollte diesem Gesetz tatsächlich zugestimmt werden, wird in Deutschland eine Internet-Zensur der besonders perfiden Art eingeführt. Denn wie ich in meinem Blog bereits erwähnt habe, sollen Zugriffe auf das STOPP-Schild direkt zur Strafverfolgung genutzt werden. Dabei spielt erstmal keine Rolle, wie man den verbotenen Link aus der geheimen (!) Sperrliste angeklickt hat; vorgesehen ist offensichtlich, dass man als Internet-Nutzer beweisen muss, nicht vorsätzlich gehandelt zu haben.

Ich wiederhole es gerne noch einmal: Die verbotenen Webseiten sind den Internet-Nutzern nicht bekannt, es genügen also ein paar unbedachte Klicks für einen Verdacht auf eine strafbare Handlung. Dabei werden Klicks nicht immer bewusst oder willentlich gemacht, aber das können die Laien der Regierung natürlich nicht wissen. Beraten lassen sie sich aber auch nicht, es ist ja Wahlkampf. Es muss also nur ein Wurm oder Virus daherkommen, der meinen Rechner als Bot-Client nutzt, und schon kann man sehr schnell ins Fadenkreuz der Ermittler geraten.

Den Politikern geht es nicht um das Wohl der Kinder ! Ganz im Gegenteil, wird doch statt echter Verfolgung der Täter die gesamte Bevölkerung einer Überwachung unterzogen, die schnell ausgeweitet werden könnte. Unterstützt wird der Staat dabei – wie bei der Vorratsdatenspeicherung – von der Privatwirtschaft. Das Übel wurde also von uns gewählt und wird auch noch von uns finanziert.

Wenn dieses Gesetz verfassungskonform sein soll, verstehe ich die Welt nicht mehr. Das ist der Weg in ein neues totalitäres System. Es müssen sich dringend Leute finden, die eine Verfassungsbeschwerde einleiten. Vielleicht macht das ja die Piratenpartei.

Im Heise-Forum gibt es wenigsten noch viele Menschen, die die tatsächlichen Beweggründe der Politiker verstehen und entsprechend kommentieren. Siehe diese Liste wertvoller Beiträge: [1],[2],[3],[4].

Weitere News zu diesem Thema:

Blick aus China

Wer sich einmal aus erster Hand informieren möchte, wie ein Deutscher, der in China lebt, die netzpolitischen Verhältnisse hier betrachtet, der sollte einmal einen Blick auf den Blog von Dyrathror werfen. Der Autor ist ein guter Bekannter von mir, der seit geraumer Zeit in China lebt und von dort mit wachsendem Unbehagen u.a. die Einführung einer Internet-Zensur in Deutschland beobachtet. Beispielhaft seien die Beiträge Germany and China in opposite directions und Is Germany on its way back to the Third Reich? genannt.

Aufgrund einer Woche Urlaub hatte ich diese Woche die Gelegenheit, mehr als gewöhnlich zu bloggen. Und ein paar Dinge habe ich noch aufzuarbeiten.

Fangen wir mit einem interessanten Artikel auf den NachDenkSeiten an, der sich mit Einschnitten unseres Grundgesetztes infolge machtpolitischer Vorgänge befasst. Ein Verfassungspatriotismus sei mehr denn je gefragt. Ich zitiere den Anfang des Artikels:

Auch der Inhalt der Verfassung unterliegt ständig der Gefahr, mit dem Status quo der politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse identifiziert zu werden. Im Widerstand gegen solche Vereinnahmungen muss sich wahrer Verfassungspatriotismus bewähren.
Der Staats- und Verwaltungsrechtler Martin Kutscha beschreibt in seinem Aufsatz Einschnitte in die Verfassungsordnung des Grundgesetzes am Beispiel der Beschwörung von Terrorismusgefahren und an der „marktgerechten“ Umgestaltung der Wissenschaftsfreiheit. [...]

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