VDI nachrichten: Vorfahrt für die betriebliche Altersvorsorge

Auch der VDI ist sich nicht zu schade, der privaten Finanzwirtschaft eine Plattform für unreflektierte Werbung für die betriebliche Altersvorsorge zu bieten. In den VDI nachrichten Ausgabe Nr. 42/2011 erschien am 21.10.2011 ein Artikel mit der Überschrift „Vorfahrt für die betriebliche Altersvorsorge“ in einer Rubrik zur Leseraktion „Professionelle Finanzplanung“. Dort beschreibt eine private Vermögensverwaltung die Vorzüge der betrieblichen Altersvorsorge am Beispiel einer Direktversicherung (vor allem nach altem Muster von vor 2005). Gehen wir mal der Reihe nach durch die wichtigsten Zitate aus dem Artikel, wobei ich Namen anonymisiert habe.

[…] Deshalb verlässt er [Anm.: der Coaching-Kunde] sich nicht allein auf die gesetzliche Rentenversicherung, sondern nutzt auch die betriebliche Altersvorsorge. „Vorbildlich!“,lobt Finanzcoach Max Mustermann, Vorstand der ABC Vermögensverwaltung. […]

Natürlich vorbildlich aus Sicht der Finanzindustrie. Der VDI nachrichten Leser muss hier genau darauf achten, wessen Interessen bei der Finanzberatung vertreten werden. Es geht darum, die gesetzliche Rente schlecht zu reden und Versicherungsprodukte zu verkaufen, bei denen dann natürlich vor allem die Vorteile erörtert werden.

[…] „Die Angebote des Arbeitgebers sollte man immer vorrangig nutzen“, bestätigt Finanzplaner Mustermann. Ein wesentlicher Vorteil liege in der staatlichen Förderung: In der Sparphase bleiben Beiträge bis zu 4 % der Beitragsbemessungsgrenze sozialabgaben- und steuerfrei. […]

Der Finanzfachmann verliert natürlich kein Wort darüber, dass bei Auszahlung der betrieblichen Altersvorsorge der volle Beitrag zur Kranken- und Pflegeversicherung fällig wird. Das sind derzeit ca. 17.5%, wobei dies nur für gesetzlich Versicherte gilt. Von 100.000€ Kapitalauszahlung werden also bei Fälligkeit ca. 17.500€ der Krankenkasse überwiesen (über 10 Jahre gestreckt). Und wie hoch die Beitragssätze in 30 Jahren sein werden, kann heute niemand sagen. Prima wäre natürlich für den Vermögensverwalter, wenn bei der Beratung gleich eine private Krankenversicherung mitverkauft würde, um diesem Abzug zu entgehen. Das alles kann man inkl. einem persönlichen Rechenbeispiel nachlesen in meinem Beitrag „Neues Urteil zu Krankenversicherungsbeiträgen bei Direktversicherungen„.

[…] Die ausgezahlten Leistungen muss der Rentner dafür später versteuern – dann aber häufig mit einem geringeren Steuersatz als während der Berufstätigkeit mit hohem Arbeitseinkommen. Mustermann: „Dieser Stundungseffekt überwiegt selbst eventuelle Renditenachteile der betrieblichen gegenüber privaten Vorsorgeformen.“ […]

Der im Alter vermeintlich günstigere Steuersatz ist auch ein beliebtes Argument für die steuerlich begünstigte Altersvorsorge neueren Datums. Aber wissen wir denn heute, wie hoch in 30 Jahren der persönliche Steuersatz sein wird? Wie wahrscheinlich ist es, dass sich dieser Vorteil im Laufe der nächsten Jahre in Luft auflöst, weil der Staat sich das heute „geschenkte“ Geld in 30 Jahren über höherer Steuern wieder rein holt, ja sogar rein holen muss?

[…] „Klassische Lebensversicherungen haben im vergangenen Jahr im Schnitt 4,3 % Rendite erwirtschaftet. Aber die Direktversicherung rentiert sich auf Grund der Förderung prinzipiell besser.“  […]

Die Direktversicherung rentiert sich nach heutiger Sicht nur, wenn man bis zum Ende durchhält, die Steuerersparnisse in der Ansparphase konsequent in einen parallel laufenden Sparvertrag einzahlt, man immer am Grenzsteuersatz verdient und in der Ansparphase möglichst noch Sozialabgaben spart, also unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze verdient, was für Ingenieure eher unwahrscheinlich ist und auch mit „nahe am Grenzsteuersatz verdienen“ kollidiert. Siehe o.g. Beitrag. Die Direktversicherung lohnt sich nach heutigem Ermessen meist für privat Krankenversicherte. Für alle anderen lohnt es sich kaum oder gar nicht, ist sogar in vielen Fällen kontraproduktiv, weil man u.U. die eigene gesetzliche Sozialabsicherung schwächt. Es lohnt sich natürlich für die Verkäufer dieser Finanzprodukte. Immer.

Weitere Infos:

4 Gedanken zu „VDI nachrichten: Vorfahrt für die betriebliche Altersvorsorge

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  2. Micha

    Toller Beitrag. Ich gehöre offensichtlich zu den Glücklichen die vor dem Abschluss einer BAV über diese Kosten informiert wurden. Allerdings kann ich mir sehr gut vorstellen das bei vielen Angeboten nur die positiven Seiten der betrieblichen Altersvorsorge aufgezeigt werden. Wie bei allen dingen bleibt einem also nichts weiter übrig als sich vorher genau zu informieren. Dieser Artikel hilft dabei und daher ein kleines Lob von meiner Seite aus.

  3. Pingback: Betriebliche Altersvorsorge – Wieder Lobbyarbeit mit falschen Angaben | Krüdewagen Blog

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