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Neues Urteil zu Krankenversicherungsbeiträgen bei Direktversicherungen

In meinem Artikel „Voller Krankenversicherungsbeitrag bei Auszahlung von Direktversicherungen“ hatte ich vor über zwei Jahren erörtert, dass seit 2004 der volle Krankenversicherungsbeitrag fällig wird, wenn man eine betriebliche Direktversicherung ausgezahlt bekommt. Auch hatte ich moniert, dass dies selbst bei privat weitergeführter Versicherung (z.B. wenn der neue Arbeitgeber den Vertrag nicht übernimmt) der Fall ist.

Das BVerfG hat nun erfreulicherweise am 28.9.2010  im Verfahren 1 BvR 1660/08 entschieden , dass zumindest die anteiligen Kapitalleistungen nicht beitragspflichtig sind, wenn die Direktversicherung privat auf eigenen Namen und mit eigenen Beiträgen weitergeführt wurde. Wichtig ist dabei, dass die Versicherung auf den Arbeitnehmer als Versicherungsnehmer umgeschrieben wurde! Zitat aus dem Urteil (III. bb):

[…] Soweit das Bundessozialgericht jedoch auch Kapitalleistungen, die auf Beiträgen beruhen, die ein Arbeitnehmer nach Beendigung seiner Erwerbstätigkeit auf den Lebensversicherungsvertrag unter Einrücken in die Stellung des Versicherungsnehmers eingezahlt hat, der Beitragspflicht nach § 229 SGB V unterwirft, überschreitet es die Grenzen zulässiger Typisierung, weil sie sich dann nicht mehr von Leistungen aus privaten Lebensversicherungen von Arbeitnehmern unterscheiden, welche nicht der Beitragspflicht unterliegen. […]

Die Beitragspflicht für alle anderen Direktversicherungen, die bis zum Schluss auf den Namen des Arbeitgebers laufen, wurde hingegen nochmals bestätigt, denn sie ist laut BVerfG-Pressemitteilung vom 15.10.2010

[…] den betroffenen Versicherten zumutbar, weil der Gesetzgeber berechtigt ist, jüngere Krankenversicherte von der Finanzierung des höheren Aufwands für die Rentner zu entlasten und die Rentner entsprechend ihrem Einkommen verstärkt zur Finanzierung heranzuziehen. […]

Damit bleibt die betriebliche Direktversicherung zumindest für alle gesetzlich versicherten Arbeitnehmer mit Gehalt oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze unattraktiv, da man im Erwerbsleben zwar nur 20% Steuern auf die Beiträge zahlt, aber eben keine Krankenversicherungsbeiträge in der GKV spart. Bei 40% Grenzsteuersatz spart man zwar etwa 20% auf die Beiträge, aber die Crux ist, dass man später die vollen Krankenversicherungsbeiträge von heute ca. 15%  auf die komplette Kapitalleistung inkl. Zinsen und Überschüsse entrichten muss. Ohne jetzt eine Rechnung gemacht zu haben, dürften die kumulierten Krankenversicherungsbeiträge im Rentenalter höher sein als die Steuerersparnis während der Einzahlungsphase. Und bei 15% wird der Krankenversicherungsbeitrag bestimmt nicht stehen bleiben, so dass die Abzocke eigentlich nur schlimmer werden kann. Alles in allem ist also weiterhin der Gesetzgeber zu kritisieren, der solchen Unsinn auch noch als betriebliche Altersvorsorge anpreist.

Leider beziehen sich die vorliegenden Urteile des BVerfG auf ganz bestimmte Fälle. Mich würde interessieren, wie sich der viel gepriesene Gleichheitssatz mit der Tatsache verträgt, dass privat Versicherte überhaupt keine Krankenversicherungsbeiträge auf die Kapitalleistung zahlen müssen, während der gesetzlich versicherte Rentner für eine Auszahlung von 70.000 € insgesamt ca. 10.780€ Beiträge abdrücken muss. (Nachtrag s.u., tatsächlich sind es Stand 01.01.2011 sogar 12.390€).

Weitere Infos dazu:

Nachtrag:

1) Neben den Krankenversicherungsbeiträgen (KV) müssen natürlich auch Beiträge zu Pflegeversicherung (PV) abgeführt werden. Stand 01.01.2011 wären das 15,5% für die Kranken- und 2,2% für die Pflegeversicherung für Kinderlose. Die 15% oben sind also geschönt.

2) Ich habe heute mal einige Szenarien bezogen auf meine Direkt-Lebensversicherung durchgerechnet. Hier die Ergebnisse (alle Renditen p.a.):

a) Die Brutto-Gesamtrendite nach einer Laufzeit von 33 Jahren (bis zum 65. Lebensjahr) beträgt ca. 3,55%. Die Versicherung hat einen Garantiezins von 4,00%. Die Differenz erklärt sich aus Kosten und den Beiträgen zur Risikoabsicherung im Todesfall, wobei die Kosten bei weitem überwiegen dürften. Die Rendite von 3,55% ist die Rendite vor Abführung der KV- und PV-Beiträge.

b) Wenn nun nach seit 2004 geltendem Recht (rückwirkend auch für meinen Altvertrag!) die vollen KV- und PV-Beiträge im Rentenalter abgeführt werden müssen, dann bleibt eine Rendite von 2,53% übrig (dabei werden zur einfachen Berechnung die Beiträge auf einen Schlag bei Kapitalauszahlung gezahlt). Fast ein Drittel der Rendite wird also von den KV- und PV-Beiträgen aufgezehrt! Eine Rendite von 2,53% nach 33 Jahren Einzahlung! Wow, das haut einen fast um. Mit anderen Worten: eigentlich indiskutabel.

c) Wenn ich die Direktversicherung schon mit 60 abrufen würde, bliebe von der eigentlich beim Abschluss der Versicherung zugesicherten Rendite von 3,49% nur 2,26% übrig.

d) Bei einem Renteneintrittsalter von 65 Jahren müsste ich mindestens 5.800€ mehr KV- und PV-Beiträge zahlen als ich während der Ansparphase Steuern gespart hätte.

e) Die Rechnung wäre noch verheerender, wenn der KV- und PV-Beitragssatz – wie uns viele heute schon prophezeien – steigen würde. Bei einem Beitragssatz von nicht unrealistischen 19,5% (KV) und 3,00% (PV) in 20 Jahren, würde die Netto-Rendite zwischen 1,88% und 2,21% liegen (je nach Renteneintrittsalter).

f) Würde ich meine Versicherung in 2011 beitragsfrei stellen, käme am Ende (nach 14 Jahren Beitragszahlung und 19 Jahren Wartezeit) eine Rendite von 1,64% heraus. Bei o.g. steigenden KV- und PV-Beitragssätzen sogar nur 1,41%. Ursprüngliche Rendite ohne KV- und PV-Beiträge wäre dabei 2,38%.

g) Wenn ich statt betrieblicher Direktversicherung die gleichen Beiträge in einen privaten Sparvertrag stecken würde, dann müsste der Vertrag einen Zinssatz von 4,74% bis 4,82% haben, damit ich die gleiche Brutto-Kapitalleistung (entsprechend der originalen Versicherungssumme) erhalten würde. Dabei sind Kapitalsteuern nach heutigen Recht bereits eingerechnet. Der Zinssatz klingt nicht so unrealistisch auf 33 Jahre gesehen. Man sieht also, was privat möglich wäre, um das gleiche Brutto-Kapital anzusparen, worauf dann eben keine KV- und PV-Beiträge mehr zu leisten wären (nach heutigem Recht für pflichtversicherte Rentner; da wird der Staat sich sicherlich auch noch was einfallen lassen).

h) Anders gerechnet würde ein privater Sparvertrag aus voll versteuertem Gehalt bei 4,00% Verzinsung über die gesamte Laufzeit (entsprechend dem o.g. Garantiezins)  ca. 6.300 bis 6.600€ mehr Kapital bringen als die tolle steuerlich begünstigte Direktversicherung nach heute gültigen Konditionen. Dieser Betrag entspricht übrigens ziemlich genau dem aufzubringenden Beitrag für eine Risikolebensversicherung bis zum 65. Lebensjahr, sollte diese denn – vor allem über eine so lange Zeit – erforderlich sein.

Fazit: Das Ganze kann eigentlich nicht wahr sein und auch nicht mit rechten Dingen zugehen. Es würde mich interessieren, ob das BVerfG auch mal so eine Rechnung aufgestellt hat, bevor es die Praxis als zumutbar tituliert hat.

Was soll ich nun also tun?

Nachtrag 2(23.10.2010):

Nachdem ich darauf aufmerksam gemacht wurde (siehe Kommentare), dass ich die Steuerersparnisse nicht in die Renditeberechnungen einbezogen habe, habe ich die Berechnungen wiederholt. Dabei habe ich angenommen, dass in der Einzahlphase eine Steuerersparnis bis zum maximalen Grenzsteuersatz stattfindet (also 22 Prozentpunkte Steuerersparnis). Diese Steuervorteile habe ich dann sogar fiktiv bis zum Versicherungsende mit 4% p.a. verzinst, was bis zum Versicherungsende fast zu einer Verdoppelung der gesparten Steuer führt. Das daraus gebildete Kapital habe ich dann zur Versicherungssumme hinzuaddiert, wovon zuvor die fälligen KV- und PV-Beiträge abgezogen wurden.

Hier die Ergebnisse analog zu Punkt 2 im ersten Nachtrag oben:

a) Die fiktive Gesamtrendite ohne KV- und PV-Beiträge, jedoch unter Berücksichtigung der über die gesamte Laufzeit verzinsten Steuerersparnisse beträgt 4,46%. Ohne Steuerersparnisse wären es 3,55%. Daraus ergibt sich ein maximaler Renditekick von ca. 0,9 Prozentpunkten.

b) Die zu erwartende Gesamtrendite nach Abzug der KV- und PV-Beiträge und unter Berücksichtigung der Steuerersparnisse beträgt 3,64%. Die KV- und PV-Beiträge verringern die Rendite also um mindestens 0,8 Prozentpunkte. Die verzinsten Steuerersparnisse und die am Ende fälligen KV- und PV-Beiträge halten sich demnach in etwa die Waage. Anders gesagt: Das fiktive, netto zur Verfügung stehende Endkapital entspräche recht genau der Versicherungssumme.

c) Bei Abruf mit 60 beträgt die Gesamtrendite unter Einbeziehung von Steuern und Beiträgen ebenfalls 3,64%.

d) Insgesamt ist die Summe der verzinsten Steuerersparnisse um 1.770€ höher als die gezahlten KV- und PV-Beiträge. Wenn die Steuerersparnisse nicht verzinst würden, bliebe es jedoch bei 5.800€ mehr gezahlten KV- und PV-Beiträgen. Nur wenn man also den Steuervorteil konsequent während der gesamten Laufzeit in einen guten Sparvertrag einbringt, ergibt sich ein kleiner Vorteil in der Gesamtbilanz. Wobei die Beispielrechnung wie oben erwähnt davon ausgeht, dass man immer Steuern bis zum maximalen Grenzsteuersatz spart, was das Optimum wäre.

e) Bei höheren Beitragssätzen (19,5%+3%) bleibt nach Abzug der KV- und PV-Beiträge von ursprünglich erwarteten 4,46% nur maximal 3,40% Rendite übrig.

f) Die Gesamtrendite bei Beitragsfreistellung in 2011 (nach 14 Jahren Ansparzeit) wäre unter Einbeziehung von Steuern und Beiträgen 2,67%.

g) Keine Änderung zu oben. Eine Rendite von 4,74% bis 4,82% p.a. würde für einen mit voll versteuerten Beiträgen bedienten Sparplan ausreichen, um das Kapital gemäß Versicherungssumme zu erhalten.

h) Aufgrund der verzinsten Steuervorteile ergibt sich ein anderes Bild. Bei 4,00% Verzinsung mit privater Vorsorge würden maximal ca. 12.000€ Kapital fehlen gegenüber der Direktversicherung.

Fazit: Die Rechnung sieht unter Einbeziehung der Steuervorteile natürlich schon ein wenig anders aus. Aber eigentlich nur für den Fall, dass man bis zum Rentenalter die Steuerersparnisse konsequent verzinst und immer maximale Steuern spart, fressen die KV- und PV-Beiträge die Steuerersparnisse nicht komplett auf. In der Praxis kann man eher von einem Nullsummenspiel ausgehen, tendenziell aufgrund steigender KV- und PV-Beitragssätze und prekärer Beschäftigungverhältnisse aber unter ungünstigem Vorzeichen für den Versicherten. Bereits länger laufende Verträge (z.B. mit 4% Garantiezins) bleiben einigermaßen rentabel, wenn man bis zum Ende durchhält und maximale Vorteile erhält. Das tröstet aber nicht darüber hinweg, dass die Krankenversicherung am Ende ziemlich genau die 20% vom Kapital erhält, die man sich vorher mühsam durch Steuervorteile erwirtschaftet haben muss.

Zu bedenken sind auch die hohen volkswirtschaftlichen Kosten für dieses aufwändige Bürokratiemonster, an dem der Gesetzgeber zudem jederzeit und je nach Kassenlage herumschrauben kann. Die vom Staat geförderte betriebliche Altersvorsorge ist demnach über die Jahre gerechnet volkswirtschaftlicher Unsinn, bietet für die meisten Bürger keine Vorteile und spült hohe Subventionen in die Kassen der privaten Finanzwirtschaft.

Vorratsdatenspeicherung für verfassungswidrig und nichtig erklärt

Am vergangenen Dienstag hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) die seit über 2 Jahren geltende gesetzliche Regelung zur Vorratsdatenspeicherung als verfassungswidrig und die entsprechenden Artikel des Telekommunikationsgesetzes (TKG) für nichtig erklärt. Siehe Pressemitteilung des BVerfG, aus der ich im folgenden zitiere:

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat entschieden, dass die Regelungen des TKG und der StPO über die Vorratsdatenspeicherung mit Art. 10 Abs. 1 GG nicht vereinbar sind. […] Die Regelung ist damit insgesamt verfassungswidrig und nichtig.

Damit haben die Beschwerdeführer, u.a. auch der von mir und ca. 34.000 weiteren Bürgern bevollmächtigte Rechtsanwalt Meinhard Starostik vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, einen wichtigen Sieg errungen. Der Aufwand hat sich also für uns alle gelohnt, die das Grundgesetz (GG) gegen ausufernde Überwachungsphantasien unserer regierenden Politiker schützen wollen.

Trotzdem ist das Urteil mit gemischten Gefühlen zu sehen und keineswegs Grund zum Ausruhen, da eine Speicherung der Kommunikationsdaten von 82 Mio. Bürgern auf Vorrat nicht schlechthin unvereinbar mit unserem Grundgesetz (Art. 10) sei, wie das BVerfG anführt:

Eine sechsmonatige anlasslose Speicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten für qualifizierte Verwendungen im Rahmen der Strafverfolgung, der Gefahrenabwehr und der Aufgaben der Nachrichtendienste, wie sie die §§ 113a, 113b TKG anordnen, ist mit Art. 10 GG nicht schlechthin unvereinbar.

Das BVerfG macht in der Urteilsbegründung recht detaillierte Auflagen, wie eine dem Grundgesetz entsprechende Regelung zur Vorratsdatenspeicherung aussehen könnte. Soll soll „die vorgesehene Speicherung der Telekommunikationsverkehrsdaten nicht direkt durch den Staat, sondern durch eine Verpflichtung der privaten Diensteanbieter verwirklicht“ werden. Dann könne selbst bei Speicherung für 6 Monate noch nicht von Totalerfassung die Rede sein. Gleichzeitig macht das BVerfG aber klar, dass weitere Datensammlungen des Staates (die nicht weiter genannt werden, aber z.B. ELENA betreffen könnten) damit kritischer zu bewerten sind, da eine Vorratsdatenspeicherung aller Telekommunikationsverkehrsdaten eine Ausnahme sein soll:

Die verfassungsrechtliche Unbedenklichkeit einer vorsorglich anlasslosen Speicherung der Telekommunikationsverkehrsdaten setzt voraus, dass diese eine Ausnahme bleibt.

Sprich: Wenn der Staat z.B. eine neue Regelung zur Vorratsdatenspeicherung einführen wollte, die so weit gehen würde, wie das BVerfG eben noch duldet, dann wird es eng mit anderen Überwachungs- und Erfassungsmaßnahmen. Wollen wir hoffen, dass das BVerfG das ernst meint. Das BVerfG nennt Maßstäbe für eine verfassungsgemäße Regelung zur Vorratsdatenspeicherung:

Angesichts des besonderen Gewichts einer vorsorglichen Telekommunikationsverkehrsdatenspeicherung ist diese nur dann mit Art. 10 Abs. 1 GG vereinbar, wenn ihre Ausgestaltung besonderen verfassungsrechtlichen Anforderungen entspricht. Es bedarf insoweit hinreichend anspruchsvoller und normenklarer Regelungen zur Datensicherheit, zur Begrenzung der Datenverwendung, zur Transparenz und zum Rechtsschutz.

Mich wundert ein wenig, dass das BVerfG nur den Schutzbereich des Art. 10  (Fernmeldegeheimnis) erwähnt. Gibt es nicht auch andere Artikel im GG, die zu beachten sind? Was ist mit dem neu geschaffenen Grundrecht “auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme”?

Aus den unten aufgeführten Quellen kann man weitere Infos zum Urteil und zur Tragweite der Entscheidung erlangen. Besonders sei hier auf einen Artikel in den NachDenkSeiten verwiesen, der sich recht detailliert mit dem Urteil beschäftigt und dem Gericht verfassungsrechtlichen Opportunismus vorwirft, ich zitiere:

[…] Das Kuschen des Bundesverfassungsgerichts vor dem Europäischen Recht und vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg belegt, dass Karlsruhe das Grundgesetz nicht offensiv gegenüber der europäischen Ebene verteidigt, sondern sich europäischen Vorgaben kritiklos anpasst und nur noch innerstaatlich versucht, das Grundgesetz zu retten – was davon nach der Vorgabe aus Brüssel oder Luxemburg eben noch zu retten ist. […]

In der Tat sind dem Gesetzgeber zwar hohe Auflagen gemacht worden, aber ein umfassender Schutz unserer Grundrechte sieht anders aus. Wir müssen also dran bleiben. Vor allem die Assimilierung und Aushöhlung unserer Rechte auf europäischer Ebene muss gestoppt werden.

Weitere Infos zum Urteil und der Debatte nach dem Urteil:

Mündliche Verhandlung zur Vorratsdatenspeicherung

ak-vorrat-banner_15-12-2009Gestern fand die mündliche Verhandlung zur Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung vor dem Bundesverfassungsgericht statt. Ich habe in diesem Blog schon des öfteren über das entsprechende Gesetz und dessen Auswirkungen berichtet. Da ich streng gegen das Gesetz bin, habe ich mich – wie fast 35.000 andere Bürger auch – an der Sammelbeschwerde vom AK Vorrat beteiligt. Denn das Gesetz verstößt massiv gegen unsere im Grundgesetz verankerten Rechte und bedroht Freiheit und Demokratie durch Einführung totalitärer Methoden.

Über die Linkliste weiter unten kann man sich detailliert über den Verhandlungsverlauf informieren. Interessant finde ich vor allem, dass das Bundesverfassungsgericht nicht nur schwere Bedenken gegen den Zugriff auf die Daten, sondern nun auch gegen die Speicherung an sich angemeldet hat. Denn bislang wurde nur der Zugriff eingeschränkt. Eine Kernfrage ist in der Tat, wohin das am Ende führen kann und welche Daten vom Bürger demnächst noch erfasst werden sollen. Ich hoffe, dass das Bundesverfassungsgericht im Sinne unserer Verfassung urteilen wird und das Gesetz vollständig kippt. Eine Datenerfassung (also nicht nur der Zugriff) ausschließlich bei hinreichendem Verdacht wäre die einzig tolerierbare Alternative.

Eine Ausnahmeregelung für bestimmte Berufsgruppen wie Steuerberater, Ärzte oder Journalisten lehne ich übrigens ab: Wieso soll das Erfassen meiner kompletten elektronischen Kommunikation davon abhängen, welchen Beruf ich ausübe? Werden sich dann bald alle potentiellen Straftäter und Terroristen einen Journalisten- oder Anwalts-Ausweis zulegen, um dem Überwachungsnetz zu entgehen?

Weitere Infos dazu:

Quelle Bild: Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung

CDU/FDP: Überwachungsgesetze werden nur mäßig eingeschränkt

Gestern Abend hat es bei den Koalitionsverhandlungen eine unerwartet zügige Einigung zwischen CDU/CSU und FDP gegeben hinsichtlich der offenen Fragen beim Thema Innenpolitik. Streitpunkt waren vor allem die Vorratsdatenspeicherung, das BKA-Gesetz und die Web-Sperren gegen Kinderpornografie. Leider – aber auch wie zu erwarten war – sind diese Überwachungsgesetze nur mäßig eingeschränkt worden. Um es gleich zu sagen: Was uns von den designierten Koalitionspartnern als großer Sieg der Bürgerrechte verkauft wird, ist zum größten Teil eine Mogelpackung.

Bei der Vorratsdatenspeicherung ist nämlich so gut wie gar nichts geändert worden. Es soll weiter verdachtslos für 6 Monate protokolliert werden, mit wem ich wann und wo telefoniert habe, wem ich wann und wo eine Email oder SMS geschrieben oder empfangen habe und welche IP-Adresse ich beim Surfen im Internet verwendet habe. Lediglich die Auswertung dieser Daten soll auf schwere Gefahrensituationen begrenzt werden, zumindest bis das BVerfG in der Sache endgültig entscheidet. Man muss sich bewusst machen: Das BVerfG hat diese Einschränkung jedoch schon im März 2008 verkündet. Was da nun verbessert worden sein soll, erschließt sich mir nicht. Es wird also munter weiter gespeichert. Es muss aber das Ziel sein, die Speicherung der Daten eben nicht pauschal zu erlauben, sondern schon bei der Speicherung sehr hohe Hürden zu setzen. Die Verfassungsklagen müssen also aufrecht erhalten bleiben.

Bei den Web-Sperren ist in der Tat ein signifikanter Erfolg verzeichnet worden, zumindest bis auf weiteres. Denn die Sperrlisten sollen vom BKA für ein Jahr weder erstellt noch an die Provider weitergegeben werden. Vielmehr soll ein Jahr lang versucht werden, die betreffenden Seiten zu löschen. Das Gesetz wird aber wohl dennoch in Kraft treten, so dass die Sperren eben noch nicht vom Tisch sind. Inwiefern das problematisch sein kann, wird bei netzpolitik.org erörtert. Und die Zensurinfrastruktur ist erstmal geschaffen und kann jederzeit wieder aktiviert werden.
Trotzdem: Diese Wendung hin zum Löschen statt Sperren ist durchaus ein großer Erfolg der Kritiker und Bürgerrechtler. Vor allem gilt der Dank den Teilnehmern an Arbeitskreisen, Petitionen, Unterschriftsaktionen und Demos. Und nicht zuletzt der Piratenpartei. Die FDP konnte eigentlich nicht anders, als sich hier in Szene zu setzen. Vielleicht ist aber auch bei vielen in der CDU langsam die Einsicht gekommen, dass das Zugangserschwerungsgesetz untauglich und dilettantisch ist. Selbst Herr Schäuble hat sich dazu geäußert. Wir müssen aber auch hier dran bleiben.

Das BKA-Gesetz, gegen das ebenfalls eine Verfassungsklage ansteht, wurde demgegenüber nur leicht kosmetisch eingeschränkt. Verdeckte Online-Durchsuchungen sind weiterhin gesetzliches Mittel zur Strafverfolgung.

Insgesamt also eine Reihe von Kompromissen, deren praktische Implementierung und Wirkung erst abgewartet werden müssen. Bürgerrechtler sind weiterhin dringend erforderlich, denn der Kampf ist noch nicht vorbei. Welche Punkte sonst noch auf der Agenda stehen sollten, hat heute der Chaos Computer Club überaus eindrucksvoll als Spickzettel digitaler Bürgerrechte publiziert.

Update: Erste Reaktionen und weitere Links zu den Einigungen:

Für besonders erwähnenswert finde ich die Tatsache, dass der Einsatz der Bundeswehr im Innern vom Tisch ist. Das hätte wirklich einen Dammbruch bedeutet.

Update 2: Der FoeBuD e.V. hat inzwischen eine Beurteilung der Ergebnisse veröffentlicht, die sich stark mit meinen Einschätzungen deckt. Auch der AK Vorrat hat reagiert und bezeichnet die Einigung als völlig unzureichend.

Verwendung von Wahlcomputern verfassungswidrig

Das Bundesverfassungsgericht hat heute entschieden, dass die Verwendung von Wahlcomputern, die bisher bei Bundestagswahlen eingesetzt wurden, verfassungswidrig ist. Damit schließt sich das Gericht der Meinung vieler Experten und logisch denkender Menschen an, die entgegen den Meinungen aus den Innenministerien von Bund und Ländern nicht der Meinung sind, dass Wahlcomputer hinreichend sicher sind.

Ich habe in meinem Blog schon des öfteren auf grundsätzliche Probleme mit Wahlcomputern (sinnvoll abgekürzt WC) hingewiesen (siehe [1],[2]). Daher kann man dem BVerfG nur zu diesem Urteil gratulieren. Leider müssen die Verfassungsbrecher, die verantwortlichen Politiker, wieder einmal nicht für ihr Handeln gerade stehen. Vom wirtschaftliche Schaden einmal abgesehen.

Nun bleibt abzuwarten, wie die Politik auf dieses Urteil reagiert. Denn das BVerfG hat nicht grundsätzlich den Einsatz von Wahlcomputern verboten. Das war auch nicht zu erwarten. Vielmehr muss für die Verwendung von Wahlcomputern „die Wahrung des verfassungsrechtlichen Grundsatzes der Öffentlichkeit der Wahl“ gewährleistet werden. Der Wähler muss den Abstimmungsprozess „jederzeit zuverlässig und ohne besondere Sachkenntnis nachvollziehen“ können. Diese Voraussetzung erfüllt aber bisher kein Wahlcomputer. Spannend wird nun also sein, ob die Politik schnell einen neuen Anlauf mit modifizierten Wahlcomputern unternimmt, die dann wieder gerichtlich angefechtet werden müssen. Aus meiner Erfahrung wird es sicherlich solche Politiker geben, die meinen, eine leichte Modifikation der Geräte reiche aus. Oder man wartet ab – vielleicht sogar viele Jahre – bis ein wirklich ausgereiftes System verfügbar ist, das allen Zweifeln erhaben ist. Ich hoffe, das letzere wird der Fall sein – wenn es denn überhaupt eine technische Lösung gibt, was angezweifelt werden darf. Denn wenn man auf die Richtigkeit von Wahlergebnissen nicht mehr vertrauen darf, worauf dann noch in einer Demokratie ?

Klar ist: es gibt bisher keinen Wahlcomputer, der den Auflagen des BVerfG entspricht. Letztendlich könnte es auch darauf hinauslaufen, dass man Wahlcomputer und ausgefüllte Wahlzettel parallel auswertet und vergleicht. Das Computerergebnis könnte dann verifiziert werden. Dabei muss man sich fragen, warum dann ein Wahlcomputer noch nötig sein soll. Denn ein schnell verfügbares Ergebnis, eines der Hauptargumente der WC-Lobby,  ist laut BVerfG nicht vorgeschrieben.

Es gibt eine ganze Reihe von Forschungsvorhaben mit einer Vielzahl von Vorschlägen, wie freie, geheime und nachvollziehbare Wahlen mit Hilfe einer Maschine durchgeführt werden könnten. Aber ein hinreichend manipulationssicheres und realisierbares  Konzept oder gar eine technische Lösung hat sich noch nicht herauskristallisiert. Bleibt also zu hoffen, dass die Politik – wenn überhaupt – auf eine ausgereifte Lösung wartet, bevor mündige Bürger wieder vor das BVerfG ziehen müssen.

Meldungen dazu:

Wahlcomputer müssen abgewählt werden

Wahlcomputer werden leider schon seit einiger Zeit verstärkt auch in Deutschland eingesetzt. Genau so lange gibt es aber fundierte Kritik an Wahlcomputern (siehe hier im Blog oder Links unten), denn diese verstoßen ganz offensichtlich gegen wichtige Prinzipien freier und geheimer Wahlen, z.B. der Nachvollziehbarkeit und Manipulationssicherheit. Ich kann nur jedem als Protest empfehlen, seine Stimme an Wahlcomputern generell ungültig zu machen.

Das Bundesverfassungsgericht muss sich jetzt mit dem Thema befassen, da die Politik es nicht einsehen will, dass die Dinger bis auf weiteres in einer Demokratie nichts zu suchen haben. Stattdessen wird uns versprochen, dass mit Wahlcomputern alles einfacher und billiger werden soll. Dass aber genau das Gegenteil passiert, wurde vielfach bewiesen, lässt viele Verantwortliche aber kalt. Es wird also Zeit, dass Wahlcomputer abgewählt werden. Entweder durch zivilen Ungehorsam oder eben durch Gerichte.

Weitere aktuelle Informationen und Nachrichten zum Thema:

Quelle: YouTube

Voller Krankenversicherungsbeitrag bei Auszahlung von Direktversicherungen

Seit 2004 wird auf die Auszahlung von Direktversicherungen (als eine Form der betrieblichen Altersvorsorge) für gesetzlich Versicherte der volle Krankenversicherungsbeitrag fällig. Diese Abzocke wurde sogar auf Altverträge ausgeweitet ! Von Bestandsschutz will keiner etwas wissen, geht es doch um Milliarden. Wer also auch vor dieser neuen Regelung eine Direktversicherung abgeschlossen hat, die bei 20% Pauschalversteuerung der Beiträge durchaus attraktiv war, der muss nun von der gesamten ausgezahlten Versicherungssumme ca. 15% an die Krankenkassen abführen (über 10 Jahre verteilt). Es geht hier also für viele um bis zu 10.000€ zusätzlicher Beiträge. Das gilt sowohl für regelmäßige Renten-Zahlungen als auch für Einmalzahlungen. Die Beitragspflicht bei Einmalzahlungen aus Lebensversicherungen wurde jüngst vom Bundesverfassungsgericht bestätigt.

Viel schlimmer wird es, wenn man während der Laufzeit die Direktversicherung privat weiterführt, z.B. weil der neue Arbeitgeber die Versicherung nicht weiterführt. Dann werden auf die ab dann eingezahlten ohnehin sozialversicherungspflichtigen Beiträge (Nettolohn) am Ende nochmal die Krankenversicherungsbeiträge fällig. Denn nur die Beiträge im Rahmen der betrieblichen Altersvorsorge sind während der Ansparphase sozialabgabenfrei. Am Ende der Laufzeit werden die privaten Beiträge nicht gesondert behandelt, handelt es sich doch nachwievor um eine betriebliche Altersvorsorge, zumindest auf dem Papier.

Die Rendite der Direktversicherung sinkt damit ganz erheblich. Diese Form der Altersvorsorge wird damit praktisch völlig uninteressant (vor allem für Direktversicherungen nach alter Regelung). Zumal Krankenversicherungsbeiträge auf normale Kapitalerträge im Rentenalter nur für freiwillig Versicherte erhoben werden. Dabei werden Menschen, die im Berufsleben freiwillig versichert waren, später zumeist Pflichtversicherte. Wenn man das Geld also privat sparen würde, bliebe das Ersparte nach jetzigem Recht fast immer krankenversicherungsfrei. Aber wer weiß schon, was sich der Gesetzgeber noch einfallen lässt, um später an unser Geld zu kommen.

Ach ja, noch etwas: Privat Versicherte zahlen überhaupt keine Krankenversicherungsbeiträge auf Auszahlungen einer Direktversicherung ! Woher stammt eigentlich der Begriff „Rechtsstaat“ ?

Meldungen und mehr Infos dazu:

 

Bundesverfassungsgericht schränkt Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung vorerst ein

Das BVerfG hat heute über den Eilantrag entschieden, der Ende 2007 zusammen mit einer Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung eingereicht wurde. Danach wurden Teile des beschlossenen Gesetzes außer Kraft gesetzt. Die Datenspeicherung an sich sei nach derzeitiger Sachlage vorläufig nicht zu beanstanden. Jedoch wurden die Bedingungen für den Abruf und die Nutzung der Daten stark eingeschränkt. So soll auf die Vorratsdaten nur bei schweren Straftaten zugegriffen werden dürfen, wobei man diesbezüglich dem kürzlichen Urteil zur Online-Durchsuchung folgt. Der im Gesetz vorgesehene Zugriff wegen leichter und „per Telekommunikation begangener“ Straftaten wurde verboten. Insofern kann hier von einem Teilerfolg für die Beschwerdeführer gesprochen werden.

Zitat aus der Pressemitteilung:

[…] Sie sind jedoch nur dann an die Strafverfolgungsbehörde zu übermitteln, wenn Gegenstand des Ermittlungsverfahrens eine schwere Straftat im Sinne des § 100a Abs. 2 StPO ist, die auch im Einzelfall schwer wiegt, der Verdacht durch bestimmte Tatsachen begründet ist und die Erforschung des Sachverhalts auf andere Weise wesentlich erschwert oder aussichtslos wäre (§ 100a Abs. 1 StPO).[…]

Leider ist das Speichern der Daten also derzeit nicht verboten worden. Man muss auf jeden Fall noch das eigentliche Urteil abwarten. Es steht zu befürchten, dass die Vorratsdatenspeicherung nicht komplett gekippt, sondern nur stark eingeschränkt wird. Knackpunkt wird sein, ob und wie weit noch das eigentliche verdachtslose Erfassen und Speichern der Telekommunikationsverbindungsdaten eingeschränkt wird. Eine alleinige Einschränkung der Nutzung der Daten wäre sicherlich nicht als der ganz große Erfolg zu bewerten. Denn der Grundsatz eines guten Datenschutzes – auch und vor allem im Sinne der Freiheitsrechte – ist und bleibt die Datenvermeidung.

Meldungen und Meinungen dazu:

Scanning von Autokennzeichen verfassungswidrig

Das Bundesverfassungsgericht hat heute wieder einmal bewiesen, dass die Freiheitsrechte der Bürger ein hohes Gut sind und immer wieder gegen den Gesetzgeber verteidigt werden müssen. Denn es erklärte das automatische, verdachtslose und massenhafte Erfassen von Autokennzeichen in Hessen und Schleswig-Holstein für verfassungswidrig.

Meldungen dazu: