Schlagwort-Archive: vdi nachrichten

VDI nachrichten: Wenn Vorsorger das Nachsehen haben

Endlich haben die VDI nachrichten einmal einen kritischen Artikel zur Direktversicherung als eine Form der betrieblichen Altersvorsorge veröffentlicht, in dem die Sauerei mit den nachträglich für Altverträge eingeführten Sozialversicherungsbeiträgen beleuchtet wird. Der Artikel „Wenn Vorsorger das Nachsehen haben“ zeigt das Dilemma aus Sicht der Versicherungskunden und Beitragszahler.

Hinweis: Der Artikel in den VDI nachrichten ist bei einem ersten Besuch vollständig online verfügbar. Danach nur noch nach Login als Abonnent oder Mitglied des VDI. Tipp: Um den Artikel trotzdem wiederholt voll zu lesen, kann man einfach den oder die Cookies, die vdi-nachrichten.com setzt, im Browser löschen. Dann ist er wieder frei 😉

In früheren Artikeln hatten die VDI nachrichten ausschließlich „Finanzberater“ zu Wort kommen lassen, die die Vorteile der betrieblichen Altersvorsorge anpriesen und Falschinformationen über angeblich zu sparende Sozialversicherungsbeiträge verbreiten durften ([1], [2]).

Ein kleiner Fehler hat sich in den Artikel jedoch eingeschlichen. Dort heißt es „Zudem wurden sie mit 10 % pauschal besteuert.„. Das ist allgemein gesehen nicht korrekt. Die pauschale Besteuerung für nicht umgestellte Altverträge beträgt seit mindestens 1998 20%. Das ist schon ein nicht unwesentlicher Unterschied, vor allem wenn man die in der Einzahlphase gesparten Steuern mit den in der Auszahlphase zu zahlenden Sozialversicherungsbeiträgen „gegenrechnen“ wollte.

Die Sozialversicherungsbeiträge von fast 18% werden übrigens auf das gesamte Kapital erhoben, was sicherlich in vielen Fällen etwa dem Doppelten (oder mehr) der versteuerten Einzahlungen entspricht. Jeder kann sich nun ausrechnen, wie viele Steuern und Sozialabgaben die Betroffenen insgesamt „gespart“ haben: Nämlich keine. Kleine Rechnung gefällig? Angenommen man zahlte 50.000€ in die Altersvorsorge ein. Dann sparte man maximal 20% Steuern (zum Grenzsteuersatz) und 9% Sozialabgaben (Arbeitnehmeranteil). Macht 14.500€ Ersparnis in der Ansparphase. Wenn man nun nach Laufzeit von 25 oder 30 Jahren sagen wir 100.000€ ausgezahlt bekommt, zahlt man auf diese Summe 18% Sozialabgaben. Das macht 18.000€. Ein saugutes Geschäft – aber nur für die Krankenkassen, die Arbeitgeber und die Versicherungswirtschaft.

Leider hat es der „Infokasten“ aus der Printausgabe der VDI nachrichten nicht in die Online-Version geschafft. Dort gab es zusätzlich einen Hinweis auf Gerhard Kieseheuer und den Arbeitskreis GMG-geschädigte DV-Versicherte mit Angabe der Kontakt-E-Mail-Adresse gmg-geschaedigte@gmx.de.

Betriebliche Altersvorsorge – Wieder Lobbyarbeit mit falschen Angaben

In der letzten Ausgabe der VDI nachrichten Nr. 51/52 2012 erschien ein Artikel mit der Überschrift „Kein Mensch brennt darauf, sich mit Altersvorsorge zu beschäftigen„, in dem es u.a. um die betriebliche Altersvorsorge geht. Interviewt wurde Uwe Saßmannshausen, Geschäftsführer der Pension Solutions GmbH, einer Firma, die als Versicherungsmakler Produkte zur betrieblichen Altersvorsorge vertreibt bzw. als Berater fungiert. Von daher darf man sich nicht wundern, wenn Herr Saßmannshausen die betriebliche Altersvorsorge über den grünen Klee lobt. Leider hat der Journalist der VDI nachrichten keine kritische Fragen an den passenden Stellen gestellt, was ich hiermit nachholen möchte.

So sagt Herr Saßmannshausen:

[…] Selbst die Bundesregierung gibt in ihrem aktuellen Alterssicherungsbericht endlich zu, dass wir ein Problem mit der staatlich geförderten privaten und betrieblichen Altersvorsorge haben. Die Verbreitung lässt zu wünschen übrig. […]

Ist es wirklich wahr, dass die staatlich geförderte zusätzliche Altersvorsorge an mangelnder Verbreitung krankt? Also mehr davon? Oder liegt es nicht daran, dass die Produkte oft nur dem Arbeitgeber und den Versicherungen etwas bringen? Siehe aktuelle Studie zu den Verlusten bei privater Altersvorsorge und siehe auch das Dilemma mit der Direktversicherung als ein Durchführungsweg der betrieblichen Altersvorsorge, das ich hier im Blog zur Genüge vorgestellt habe.

Weiter im Text:

[…] Die betriebliche Vorsorge ist allein dank der staatlichen Förderung äußerst attraktiv. Es ist doch kein Zufall, dass die SPD in ihrem neuen Rentenkonzept die betriebliche Altersvorsorge deutlich stärken will. […]

Eine Förderung, die dem Arbeitnehmer suggeriert, dass er davon profitiert. Dass am Ende (also in der Auszahlphase) die große Keule kommt mit Steuern und Sozialabgaben auf die gesamte Auszahlung, das wird nicht vollständig erwähnt. Aber genau diese Abgaben – und hier vor allem die seit 2004 zu zahlenden vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge – sind es, die im Verkaufsgespräch fast immer unerwähnt bleiben, am Ende aber zu einer mickrigen Rendite führen. Und das nach 20-40 Jahren sparen.

Stattdessen werden die Vorteile erwähnt:

[…] Für die Rentenbeiträge müssen bis zu einem jährlichen Höchstbetrag von 2688 € keine Sozialabgaben entrichtet werden. Außerdem sind sie in dieser Höhe von der Steuer befreit. Erst bei Auszahlung der Betriebsrente schlägt der Fiskus zu. Die Steuersätze sind dann aber deutlich niedriger als während der Erwerbstätigkeit, weil das Einkommen niedriger ist. […]

Die Darstellung zu den Vorteilen in der Ansparphase ist korrekt. Damit wird schön geworben. Was unerwähnt bleibt, sind die Sozialabgaben in der Auszahlphase, die seit 2004 sogar dem vollen Beitragssatz von derzeit ca. 17,45 bis 17,70% entsprechen. Entweder auf die volle monatliche Betriebsrente oder auf die komplette Kapitalauszahlung bei Ausübung eines Kapitalwahlrechts.

Der Arbeitnehmer zahlt dann auch den Anteil des Arbeitgebers, den dieser zuvor eingespart hat. Arbeitnehmer werden also klar benachteiligt. Und das ist politisch so gewollt, da die Rot/Grüne Koalition dies 2004 so beschlossen hat, die derzeitige Regierung aber auch nicht daran rütteln will. Ach so: Privat Krankenversicherte sind außen vor bei Sozialabgaben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Und auch die Rendite der betrieblichen Altersvorsorge soll allen Unkenrufen zum Trotz glänzend sein:

[…] Allein bezogen auf den Betrag, den der Arbeitnehmer aus seiner eigenen Tasche einzahlt kommen Sie auf jährliche Renditen von 8 % bis 10 %. Und das bei extrem konservativer und damit sicherer Anlage. Das sind Werte, die Sie bei keiner anderen Art des Vorsorgesparens auch nur annähernd erreichen. […]

Spätestens an diesem Punkt weiß man, dass Herr Saßmannshausen ein Lobbyist ist und die Dinge beschönigt. 8 bis 10% Rendite? Nur mit dem eigenen Beitrag (also ohne Zuschüsse und nach Abzug der Kosten)? Mit sicheren Anlagen? Hallo?

Diese Rendite (pro Jahr) hat vielleicht jemand erreicht, der in den letzten 20-40 Jahren Aktien oder Aktienfonds erworben hat. Mit sicheren Anlagen ist so eine Rendite nicht möglich, vor allem in den letzten 5-10 Jahren nicht. Derzeit haben die Versicherungen ja bereits Probleme, den bei alten Verträgen geltenden Garantiezins von 4% zu erreichen. Nicht umsonst wollten unsere „Volksvertreter“ den Versicherungen bei den Bewertungsreserven ein Geschenk machen. Denn derzeit sind mit „sicheren“ Anlagen gerade mal 2-3% drin, zumindest das, was beim Verbraucher ankommt.

Herr Saßmannshausen, wenn Ihnen wirklich etwas an der betrieblichen Altersvorsorge gelegen ist, dann machen Sie mal Druck bei unserer Regierung. Die Rücknahme von Teilen des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes (GMG) von 2004 wäre das mindeste, was dabei herum kommen müsste, damit sich betriebliche Altersvorsorge wieder lohnt. Machen Sie mal Lobbyarbeit für die Bürger, statt für die Finanzindustrie. Dann können Sie sich gerne noch einmal interviewen lassen.

Fazit: Betrieblichen Altersvorsorge lohnt sich unter den derzeit gegebenen Umständen kaum für Arbeitnehmer, sehr wohl aber für die Versicherungen, die Verkäufer und für die Arbeitgeber.

Siehe auch:

VDI nachrichten: Vorfahrt für die betriebliche Altersvorsorge

Auch der VDI ist sich nicht zu schade, der privaten Finanzwirtschaft eine Plattform für unreflektierte Werbung für die betriebliche Altersvorsorge zu bieten. In den VDI nachrichten Ausgabe Nr. 42/2011 erschien am 21.10.2011 ein Artikel mit der Überschrift „Vorfahrt für die betriebliche Altersvorsorge“ in einer Rubrik zur Leseraktion „Professionelle Finanzplanung“. Dort beschreibt eine private Vermögensverwaltung die Vorzüge der betrieblichen Altersvorsorge am Beispiel einer Direktversicherung (vor allem nach altem Muster von vor 2005). Gehen wir mal der Reihe nach durch die wichtigsten Zitate aus dem Artikel, wobei ich Namen anonymisiert habe.

[…] Deshalb verlässt er [Anm.: der Coaching-Kunde] sich nicht allein auf die gesetzliche Rentenversicherung, sondern nutzt auch die betriebliche Altersvorsorge. „Vorbildlich!“,lobt Finanzcoach Max Mustermann, Vorstand der ABC Vermögensverwaltung. […]

Natürlich vorbildlich aus Sicht der Finanzindustrie. Der VDI nachrichten Leser muss hier genau darauf achten, wessen Interessen bei der Finanzberatung vertreten werden. Es geht darum, die gesetzliche Rente schlecht zu reden und Versicherungsprodukte zu verkaufen, bei denen dann natürlich vor allem die Vorteile erörtert werden.

[…] „Die Angebote des Arbeitgebers sollte man immer vorrangig nutzen“, bestätigt Finanzplaner Mustermann. Ein wesentlicher Vorteil liege in der staatlichen Förderung: In der Sparphase bleiben Beiträge bis zu 4 % der Beitragsbemessungsgrenze sozialabgaben- und steuerfrei. […]

Der Finanzfachmann verliert natürlich kein Wort darüber, dass bei Auszahlung der betrieblichen Altersvorsorge der volle Beitrag zur Kranken- und Pflegeversicherung fällig wird. Das sind derzeit ca. 17.5%, wobei dies nur für gesetzlich Versicherte gilt. Von 100.000€ Kapitalauszahlung werden also bei Fälligkeit ca. 17.500€ der Krankenkasse überwiesen (über 10 Jahre gestreckt). Und wie hoch die Beitragssätze in 30 Jahren sein werden, kann heute niemand sagen. Prima wäre natürlich für den Vermögensverwalter, wenn bei der Beratung gleich eine private Krankenversicherung mitverkauft würde, um diesem Abzug zu entgehen. Das alles kann man inkl. einem persönlichen Rechenbeispiel nachlesen in meinem Beitrag „Neues Urteil zu Krankenversicherungsbeiträgen bei Direktversicherungen„.

[…] Die ausgezahlten Leistungen muss der Rentner dafür später versteuern – dann aber häufig mit einem geringeren Steuersatz als während der Berufstätigkeit mit hohem Arbeitseinkommen. Mustermann: „Dieser Stundungseffekt überwiegt selbst eventuelle Renditenachteile der betrieblichen gegenüber privaten Vorsorgeformen.“ […]

Der im Alter vermeintlich günstigere Steuersatz ist auch ein beliebtes Argument für die steuerlich begünstigte Altersvorsorge neueren Datums. Aber wissen wir denn heute, wie hoch in 30 Jahren der persönliche Steuersatz sein wird? Wie wahrscheinlich ist es, dass sich dieser Vorteil im Laufe der nächsten Jahre in Luft auflöst, weil der Staat sich das heute „geschenkte“ Geld in 30 Jahren über höherer Steuern wieder rein holt, ja sogar rein holen muss?

[…] „Klassische Lebensversicherungen haben im vergangenen Jahr im Schnitt 4,3 % Rendite erwirtschaftet. Aber die Direktversicherung rentiert sich auf Grund der Förderung prinzipiell besser.“  […]

Die Direktversicherung rentiert sich nach heutiger Sicht nur, wenn man bis zum Ende durchhält, die Steuerersparnisse in der Ansparphase konsequent in einen parallel laufenden Sparvertrag einzahlt, man immer am Grenzsteuersatz verdient und in der Ansparphase möglichst noch Sozialabgaben spart, also unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze verdient, was für Ingenieure eher unwahrscheinlich ist und auch mit „nahe am Grenzsteuersatz verdienen“ kollidiert. Siehe o.g. Beitrag. Die Direktversicherung lohnt sich nach heutigem Ermessen meist für privat Krankenversicherte. Für alle anderen lohnt es sich kaum oder gar nicht, ist sogar in vielen Fällen kontraproduktiv, weil man u.U. die eigene gesetzliche Sozialabsicherung schwächt. Es lohnt sich natürlich für die Verkäufer dieser Finanzprodukte. Immer.

Weitere Infos:

Paul Kirchhof über Willkür und Übermaß im Steuerrecht

Ende 2009 war in der Printausgabe der vdi nachrichten ein hervorragendes Interview mit Paul Kirchhof über den Zustand des deutschen Steuerrechts abgedruckt. Der sehr bemerkenswerte Artikel findet sich auch online unter dem Titel „Willkür und Übermaß verletzen unser Gerechtigkeitsempfinden„. Was der „Professor aus Heidelberg“ dort von sich gibt, ist erste Klasse. Mit deutlichen Worten rügt er die Ausuferungen und Ungerechtigkeiten im Steuersystem und fordert mehr Freiheit für die Bürger durch radikale Vereinfachung und weniger Gängelung. Ich kann den Ausführungen zu 100% zustimmen und wünsche mir, dass irgendwann Verstand in die Politik einzieht, um den Steuerwahnsinn zu beenden.

Einige Zitate aus dem Interview möchte ich hier anbringen:

[…] Es müssen wieder einfache Regeln gelten, die jedermann versteht und als gerecht ansieht. […]

So viele Gesetze können weder von den Abgeordneten noch von den Bürgern verstanden werden. […]

Die Menschen fangen an, sich nicht mehr an die Regeln zu halten, einfach weil es zu viele davon gibt. […]

Ich definiere die Menschen nicht als Trunkenbolde. Ich definiere sie als freiheitsfähig. […]

Ihre Steuererklärung anzufertigen, raubt ihnen Jahr für Jahr sechs Tage Freizeit, sechs Tage Freiheit. Wenn wir ihnen nur diese Tage zurückgegeben könnten, wäre das schon ein Gewinn. […]